Was unter einer Figur verborgen liegt
Neulich beschäftigte ich mich mit einem meiner Bösewichte und merkte, dass er noch zu glatt war. Denn er blieb an der Oberfläche, war einfach nur böse. Ich verstand, was er tat, aber nicht, was ihn dazu motivierte. Das wurmte mich und ich begann, über ihn zu schreiben. Nicht im Manuskript, sondern auf einem separaten Blatt. Bloß, um ihn kennenzulernen, um zu erfahren, welche Geschichten aus seiner Vergangenheit ihn antreiben.
Denn auch Figuren sind oft wie Eisberge: Das, was an der Oberfläche sichtbar ist, ist nur ein Teil des Ganzen. Oft sogar nur der kleinere. Unter der (Wasser)Oberfläche verbirgt sich weit mehr. Erfahrungen, Verletzungen, Erinnerungen und Dinge, die sie gerne vergessen würden.
Doch wie findet man das heraus? Zumal bei einer fiktiven Figur? Klar, fiktiv heißt: erfunden. Ich muss mir also einfach nur zusammendichten, was das sein könnte. Doch auch für eine Autorin ist das oft einfacher gesagt als getan.
Vielleicht habe ich es hier irgendwo schon einmal erwähnt: Das Schreiben hat mir schon mehr als einmal geholfen, wenn ich in der Handlung, oder wie hier mit einer Figur, nicht weiterkomme: Ich schreibe und bringe meine Ratlosigkeit aufs Papier. Um mich meiner Figur weiter anzunähern – und so auch besser zu verstehen, woher sie kommen.
Fragen an meine Figuren
„Oblon, was treibt dich an? Bist du einfach nur böse, oder wo kommt dein Verhalten her?“ Mit diesen Fragen eröffne ich einen Dialog, der mich mehr oder weniger in einen Schreibfluss bringt. Was dann geschicht, ist jedes Mal ein bisschen anders. Manchmal verläuft es so, dass ich mit den Worten auf dem Blatt Möglichkeiten diskutiere. Ideen entwickle und wieder verwerfe. Manche davon bleiben, andere verschwinden wieder. Und plötzlich entstehen kleine Szenen, in denen ich meine Personen oder die Handlung besser kennenlerne. Es kann sein, dass ich dann an diesen Szenen weiterschreibe – auch wenn oft schon klar ist, dass sie es nicht ins Buch schaffen, einfach weil sie aus einer falschen Zeit kommen.
Oder die Skizze oder Dialogentwurf wird wenige Zeilen später wieder durchgestrichen, weil ich beim Weiterschreiben merke, dass er nicht mit der Gesamthandlung stimmig ist. Oder weil ich gerade dabei bin, einen Logikfehler zu begehen. Gut, wenn ich es gleich entdecke: Besser hier auf dem Entwicklungsblatt als später im Buch.
Es ist immer wieder erstaunlich, um wie viel produktiver es ist, das eigene Gedankenkarussell zu einer Figur aufs Papier zu verlagern. Obwohl es so viel langsamer ist, als die hin- und herflitzenden Gedanken im Kopf. Und vermutlich ist genau das der Grund, warum es so gut funktioniert: Wenn sich das Karussell langsamer dreht, kann der Geist mehr sehen. Die Umgebung verschwimmt nicht mehr in Farbschlieren, die Gedanken verschwimmen nicht mehr ineinander und werden mehr im Gesamtzusammenhang gesehen.
Das, was ich da bildlich beschreibe, passiert allerdings selten bewusst. Das meiste davon findet unbewusst statt. So zumindest erkläre ich mir das Phänomen und freue mich einfach darüber, dass sich das Unbewusste so leicht anzapfen lässt. Leicht ist dieser Prozess dennoch nicht immer. Er kann durchaus auch zu zerkauten Stiften führen.
Doch ich weiß jetzt: Wenn ich mich beim Stiftekauen ertappe, bin ich auf der falschen Gedanken-Ebene. Dann bin ich noch auf der Spitze des Eisbergs. Dann schreibe ich weiter auf meinem Entwurfsblatt, auch wenn mir gerade nichts einfällt. Ich schreibe dann genau diese Worte: „Mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein, …“ und vertraue dem Prozess.
Wenn du Einblicke wie diese magst und in unregelmäßigen Abständen über mein Schreiben informiert werden willst, ist die Elchhörnchen-Post für dich perfekt.