Die vielen Schichten einer Figur
Spitze des Eisbergs (1)
Der Vergleich mit einem Eisberg wird in Schreibratgebern oft bemüht, wenn es darum geht, die Wichtigkeit der sogenannten „Backstory“, eines Charakters zu bemühen. Mir kam sie neulich in den Sinn, als ich über einen meiner Bösewichte grübelte. Er ist noch zu platt, denn er ist einfach nur böse. Das wurmte mich und ich begann, über ihn zu schreiben. Nicht im Manuskript, sondern auf einem separaten Blatt. Einfach, um ihn kennenzulernen, um seine Hintergrund-Geschichte zu erforschen. – Ja, es gibt auch ein deutsches Wort für Backstory.
Vielleicht habe ich es hier irgendwo schon einmal erwähnt: Das Schreiben hat mir schon mehr als einmal geholfen, wenn ich in der Handlung, oder wie hier mit einer Figur, nicht weiterkomme. Ich bin mir sicher, dass ich diesen Tipp aus einem Schreibratgeber habe und ich kann ihn wärmstens weiterempfehlen. Ich gehe so vor, dass ich meine Ratlosigkeit ganz platt aufs Papier bringe.
„Was treibt Oblon an? Ist er einfach nur böse, oder wo kommt sein Verhalten her?“ Mit diesen Fragen eröffne ich einen Dialog, der mich mehr oder weniger in einen Schreibfluss bringt. Das entwickelt sich ganz unterschiedlich. Manchmal verläuft es so, dass ich mit den Worten auf dem Blatt Möglichkeiten diskutiere. Ideen entwickle und wieder verwerfe. Ich sammle Argumente dafür und dagegen und meist kommen plötzlich kleine Szenen, in denen ich meine Personen oder die Handlung besser kennenlerne. Es kann sein, dass ich dann an diesen Szenen weiterschreibe – auch wenn oft schon klar ist, dass sie es nicht ins Buch schaffen, einfach weil sie aus einer falschen Zeit kommen.
Oder die Skizze oder Dialogentwurf wird wenige Zeilen später wieder durchgestrichen, weil ich beim Weiterschreiben merke, dass er nicht mit der Gesamthandlung stimmig ist. Oder weil ich gerade dabei bin, einen Logikfehler zu begehen. Gut, wenn ich es gleich entdecke: Besser hier auf dem Entwicklungsblatt als später im Buch.
Im Prinzip ist dieses Vorgehen des Aufschreibens nichts anderes, als die beim Thema Schreibblockade vorgestellte Maßnahme, das Gedankenkarussell zum Schreibproblem auf dem Papier auszutragen. Es ist immer wieder erstaunlich, um wie viel produktiver das ist. Obwohl es so viel langsamer ist, als die hin- und herflitzenden Gedanken im Kopf. Und vermutlich ist genau das der Grund, warum es so gut funktioniert: Wenn sich das Karussell langsamer dreht, kann der Geist mehr sehen. Die Umgebung verschwimmt nicht mehr im Farbschlieren der Geschwindigkeit und die kreisenden Gedanken werden mehr im Gesamtzusammenhang gesehen.
Das, was ich da bildlich beschreibe, passiert allerdings selten bewusst. Das meiste davon findet unbewusst statt. So zumindest erkläre ich mir das Phänomen und freue mich einfach darüber, dass sich das Unbewusste so leicht anzapfen lässt. Leicht ist dieser Prozess dennoch nicht immer. Er kann durchaus auch zu zerkauten Stiften führen.
Mein Tipp: Wenn du dich beim Stiftekauen ertappst, bist du auf der falschen Gedanken-Ebene. Dann bist du noch auf der Spitze deines ganz persönlichen Eisbergs. Schreibe weiter, auch wenn dir gerade nichts einfällt. Das dürfen dann auch genau diese Worte sein: „Ich komme nicht weiter. Ich komme nicht weiter mit dieser Figur, …“ und vertraue dem Prozess.
Wenn du Einblicke wie diese magst und in unregelmäßigen Abständen über mein Schreiben informiert werden willst, ist die Elchhörnchen-Post für dich perfekt.